Zwei Ärzte, beide heißen Adrian
Stell dir vor, dein Roman spielt in einem abgelegenen Sanatorium. Es gibt dort zwei Ärzte: Dr. Adrian Vossberg, den kühlen Chefarzt mit den blauen Augen, und Dr. Adrian Vosskuhl, seinen warmherzigen jungen Assistenten mit den braunen Augen. Für dich sind das zwei völlig verschiedene Menschen. Für eine KI, die dein ganzes Buch auf einmal vor Augen hat, sind es zwei sehr ähnlich klingende Namen – und prompt bekommt der eine die Augenfarbe des anderen.
Genau solche Fehler unterlaufen KI-Schreibwerkzeugen ständig, sobald ein Buch groß wird. Wir haben uns das Problem gründlich vorgenommen – und dabei ist etwas Überraschendes passiert. Ein ehrlicher Werkstattbericht.
Das Problem: die KI bekommt alles auf einmal
Wenn Hermes für dich einen Absatz schreibt, braucht die KI Kontext: Wer kommt vor, wo spielt die Szene, wie ist der Ton? Diesen Kontext stellen wir aus deinem Buch zusammen – aus deinen Figuren, Orten, dem Plot, deinem Stil.
Bisher taten wir das mit der Brechstange: Wir gaben der KI bei jeder Anfrage alles mit. Alle Figuren, alle Orte, jede Notiz. Bei einer Kurzgeschichte mit fünf Personen funktioniert das prima. Bei einem Buch mit dreißig, achtzig, hundert Einträgen ertrinken die drei, vier Figuren, die in dieser Szene wirklich zählen, in einem Meer von Irrelevantem.
Zwei Fehler passieren dann besonders oft:
- Verwechslung. Die zwei Adrians. Oder zwei Frauen namens Marlene – eine die Oberschwester, eine die Patientin. Je mehr ähnliche Namen im Buch, desto größer das Risiko, dass die KI Eigenschaften vertauscht.
- Versehentliche Spoiler. Weil die KI deinen gesamten Aufbau sieht, verrät sie in Kapitel 2 schon mal, dass eine totgeglaubte Figur in Wahrheit lebt – weil die Zusammenfassung von Kapitel 5 es ihr verraten hat.
Die Idee: ein Codex, der nur das Nötige zeigt
Autor:innen, die Werkzeuge wie NovelCrafter oder Sudowrite kennen, kennen das Prinzip unter Namen wie „Codex" oder „Story Bible": Die KI bekommt nicht alles, sondern nur die Einträge, die zur aktuellen Szene gehören. Wie eine gute Assistenz, die dir genau die richtige Akte reicht – nicht das ganze Archiv.
Klingt einfach. Ist es nicht.
Der ehrliche Teil: unser erster Versuch machte alles schlechter
Bevor wir so etwas an dich ausliefern, testen wir es. Dafür haben wir ein eigenes Testbuch gebaut – eine kleine, dichte Geschichte mit absichtlich eingebauten Fallen: die zwei Adrians, die zwei Marlenes, ein totgeglaubter Bruder, der erst später auftaucht. Dann ließen wir dieselben Kapitel einmal vorher und einmal nachher schreiben und verglichen, welche Version weniger Fehler macht.
Das Ergebnis der ersten Version war ernüchternd: Sie wurde nicht besser, sondern schlechter.
Der Grund war lehrreich. Unsere erste, naive Auswahl suchte im Text nach vollständigen Namen. Nur: In Szene-Anweisungen heißt die Heldin schlicht „Elise", nicht „Elise Vanderhoek". Also fiel die Hauptfigur aus ihren eigenen Szenen heraus. Gleichzeitig zog ein geteilter Nachname zu viel herein – nannte man „Elise Vanderhoek", kamen auch der tote Bruder und ein nie anwesender Onkel gleichen Namens mit.
Das Schöne daran: Der Test hat den Fehler gefunden, bevor er je bei dir angekommen wäre. Genau dafür testet man.
Der Fix – und was dabei herauskam
Die zweite Version wählt klüger aus. Sie nimmt eine Figur, wenn ihr voller Name vorkommt – oder ein Namensteil, der nur zu einer einzigen Figur gehört (ein „Strup" ist eindeutig, ein „Marlene" nicht). Sie versteht deutsche Beugung („Elises Verdacht"). Und die Hauptfigur lässt sich fest anheften, damit sie nie verloren geht.
Das Ergebnis, sauber gemessen über mehrere Durchläufe:
- Weniger Namensverwechslungen, weniger Spoiler – und in keiner Kategorie eine Verschlechterung.
- Der stärkste Einzelgewinn genau dort, wo es vorher am meisten hakte: das Kapitel mit den zwei Marlenes.
Und dann haben wir es noch größer getestet. Wir bauten eine hanseatische Kaufmannssaga im Ton von Buddenbrooks – fünf Familien, 119 Einträge, und, wie in echten Familien, sieben Wilhelms, sechs Heinrichs und fünf Annas über rivalisierende Häuser hinweg. Ein Albtraum für „alles auf einmal".
Das Resultat war eindeutig: Je größer die Welt, desto größer der Gewinn. Bei diesem großen Buch bekommt die KI pro Anfrage rund 96 % weniger irrelevantes Beiwerk – und behält trotzdem die richtigen Figuren. Bei drei Frauen namens Anna auf demselben Ball wählte sie zuverlässig genau die drei richtigen aus, nicht die gleichnamigen Dienstmädchen.
Was das für dich bedeutet
- Deine Figuren bleiben sie selbst – auch im dreihundertseitigen Buch mit großem Ensemble.
- Weniger versehentliche Spoiler, weil die KI nicht mehr deinen ganzen Aufbau vor Augen hat.
- Und die KI verschwendet ihre „Aufmerksamkeit" nicht länger auf hundert irrelevante Einträge – mehr davon bleibt für deine Szene.
Ehrlich bleibt ehrlich: Zauberei ist das nicht. Wir sorgen dafür, dass die richtige Information im Kontext steht – erzwingen können wir nicht, dass das Modell sie in jedem Satz perfekt nutzt. Und am besten funktioniert es, wenn du deinen Figuren unterscheidbare Namen gibst. Zwei „Adrian" bleiben schwerer als ein Adrian und ein Bernhard.
Wie es weitergeht
Das war der erste Schritt: der richtige Kontext zur richtigen Zeit. Als Nächstes wollen wir Namensnennungen direkt im Editor markieren und anklickbar machen, „spoiler-sichere" Figurenzustände bis zu einem bestimmten Kapitel ermöglichen und – für Serien – eine buchübergreifende Bibel.
Wenn dich interessiert, wie Hermes generell mit langen Texten und Zusammenhang umgeht, lies auch Kontext-Management: Wie KI den Überblick behält und Story-Kohärenz: Figuren, die sich treu bleiben.
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